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Tommy & Rosa

Unser Reisetagebuch

Russland - Teil 2

25. Mai - 16. Juni 2005

Gefahrene Kilometer: 5287 km
Strecke: Samara > M 5 Ufa > Miass > M 36 Kystym > Jekaterinburg > P 354 Kamensk- Ural- Skij > Sadrinsk > P 329 Jalutorovsk > P 402 Omsk > M 51 Novosibirsk > M 52 Berdsk > Barnaul > Bijsk > P 369 Cerga > M52 Otf > P 373 Jabogan > M 52 Cerga > Barnaul > A 349 Kamen´-na-Obi > P 380 Slavgorod > Novosibirsk

Straße zum Horizont
Es geht von Samara Richtung Ufa. Die Straße ist mal gut, aber auch oft übersäht mit Schlaglöchern. Weite Wiesenflächen wechseln sich mit kleinen Wäldchen ab. Wir fahren über sanfte Hügel, die wellenartig diese Landschaft beherrschen. Und die Straße geht schnurgerade aus - so scheint es, als ob die Straße direkt zum Horizont führt. Aber es ist langweilig, immer nur geradeaus zu fahren...Wir schauen, daß wir voran kommen, denn die Landkarte verheißt Berge - der Ural wartet auf uns!

Panne
Nach einer Nacht im Zelt kurz vor Ufa, brechen wir früh auf. Als Tommy vom Feldweg auf die Straße fährt und kräftig Gas gibt, passiert es: Das sonst so sanft zu fahrende Kälbchen fängt an zu bocken wie eine störrische Kuh! Grund ist ein platter Hinterreifen. Schwein gehabt, denn glücklicherweise kann Tommy die schlingernde, 270 kg schwere Fuhre, ohne Sturz stoppen. Es ist 9°° Uhr früh, und es hat in der Sonne schon 26°C. Und wir stehen in der prallen Sonne! Aber es bleibt uns nichts anderes übrig... Wir satteln Tommys Dakar komplett ab, damit das Hinterrad beim Aufbocken auf den Hauptständer frei bewegt werden kann. Dann Hinterrad raus und Übeltäter suchen. Es ist ein 4 cm langer Nagel, der sich mit dem Kopf voran tief in den Mantel und Schlauch gebohrt hat. Der Schlauch wird geflickt, mit der Handpumpe bringen wir 1,8 bar in den Reifen, den Rest gibt´s später an einer Tankstelle. Alles läuft problemlos und nach 1 1/4 Stunden können wir weiter!

Ural
Landschaftlich hat uns dieser Tag viel zu bieten. Endlich wieder ein paar Kürvchen und Berge - wir erreichen die Ausläufer des Urals. Wir fahren durch schöne Mischwälder mit Fichten, Tannen und Birken. Wir fühlen uns sehr an unsere Heimat - den Schwarzwald - erinnert. Das einzige, was dabei stört, sind die unzähligen überladenen LKWs mit ihren Rußwolken, die sich im Schrittempo den Berg hinauf quälen. Beim Überholen halten wir einen großen Abstand, denn die LKWs sehen schon sehr abenteuerlich aus mit ihren eiernden Reifen und ungenügend gesicherter Ladung.
Am Straßenrand fallen uns, wie bisher überall in Russland, kleine Verkaufsstände auf. Sie bieten regional verschiedene Produkte an. Waren es anfangs schön dekorierte Obststände mit Erdbeeren, Kirschen und Äpfeln, dann Verkausbuden mit getrocknetem Fisch, so sind es hier Plastikboote, Angelruten, Schwimmringe und aufblasbare Swimmingpools.
Beim Tanken rechen wir wieder einmal nach - es ist tatsächlich so: Unsere Motorräder verbrauchen zwischen 3,5 und 3,8 Liter auf 100 km! Wir tanken etwa alle 400 km bei unserer Lieblingstankstelle "Lukoil" - dort bekommen wir, zumindest auf den Hauptverkehrswegen, 95 Oktan- Sprit. Und solange wir den bekommen, nehmen wir ihn auch! In Russland muß man vor dem Tanken bezahlen, dann erst wird die Zapfsäule mit den bezahlten Litern freigegeben. Das Bezahlen macht hier sowieso Spaß - bei Preisen um 40 Cent pro Liter! Die Zusatztanks haben wir immer gefüllt. Das Tankstellennetz ist zwar bisher sehr dicht, aber so sind wir immer auf der sicheren Seite und können uns die Tankstelle aussuchen.
Abends erhalten wir beim Zelten schon einen Vorgeschmack, was uns in der Taiga erwarten wird: Mosqitos quälen uns und lassen uns schon früh ins Zelt flüchten.

Jekaterinburg
Wir fahren ein kleines feines Sträßchen von Miass Richtung Jekaterinburg. Hier ist kaum Verkehr und wir geniessen die Kürvchen durch die Wälder, an kleinen Seen vorbei. Nach Jekaterinburg wollen wir, da wir dort eine BMW- Werkstatt vermuten. Es wird Zeit, die vordere Zahnreihe unserer Kälbchen zu ersetzen! Und uns fehlt das nötige Werkzeug dazu.
Tatsächlich gibt es eine BMW- Autowerkstatt. Die Mechaniker freuen sich riesig über unseren Besuch. Wir bekommen selbstverständlich die fehlende Nuß, und viele helfende Hände dazu. Das heißt, Tommy sagt, was zu tun ist, und die Mechaniker schrauben und lassen Tommy gar nicht mehr an unsere Mopeds ran. Egal, sie machen alles richtig und bald sind die BMWs mit neuen Ritzeln versehen. Nachdem jeder mit seinem Handy ein Foto von uns gemacht hat, bekommen wir die Nuß geschenkt!
Etwa 40 km entfernt geht der europäische Teil Rußlands in den asiatischen über! Jekaterinburg hat etwa 1,3 Mio. Einwohner, ist die viertgrößte Stadt Rußlands und die wichtigste Industrie- und Universitätsstadt am Ural. Jekaterinburg hat eine Anbindung an die Transsibirische Eisenbahn, und hier wurde Boris Jelzin geboren. Und in dieser Stadt wurde der letzte Zar und seine Familie 1918 von Bolschewisten ermordet!
Gern hätten wir ein bisschen von der Stadt gesehen, aber wir sind spät dran und wollen nicht schon wieder in einer Großstadt eine Gastiniza suchen. So quälen wir uns im dichten Feierabendverkehr raus aus der Stadt und finden nach Kamensk- Ural-Skij ein Zeltplätzchen.

Jalukorovsk
Das Hochdruck- Wetter, das uns schon seit wir in Russland sind, treu war, scheint sich zu verabschieden. Windböen wecken uns, und wir packen in Rekordzeit. In einer Stunde sind wir mit Frühstück abfahrbereit. Gerade rechtzeitig, denn es fängt an zu regnen. Die Gegend wird wieder flach, es gibt keine Berge mehr. Hier beherrschen schon die Birkenwälder die Landschaft, und immer mehr Sumpfgebiete sind zu sehen. Wir haben uns wieder für eine Nebenstraße entschieden. Dort gibt es kaum Verkehr im Gegensatz zu den Hauptstraßen. Der Straßenbelag ist nicht so strapaziert - es gibt weniger Schlaglöcher und Bodenwellen. Und weniger Milizia! Die ist zwar meist nett, aber wenn man bis zu 4x täglich angehalten wird, ist es sehr lästig! Uns sind diejenigen noch am liebsten, die gar nicht als Vorwand unsere Papiere sehen wollen, sondern sich offen für uns und unsere Motorräder interessieren. Das sind dann auch die, die Alex und Carsten später anhalten und ihnen sagen, wann wir die Stelle passiert haben - recht praktisch.
Wir rasten zu Mittag an der Straße. Es vergehen keine 5 Minuten, und schon haben wir Gesellschaft - ein junger Kerl parkt sein Auto in der Wiese und setzt sich zu uns. Er fragt das Gleiche, wie alle - woher, wohin, was kosten die BMWs. Er macht ein paar Fotos von uns und zieht wieder von dannen.
In Jalukorovsk angekommen quartieren wir uns in eine Gastiniza ein. Es gibt einen bewachten Parkplatz für unsere Mopeds, das Zimmer besteht eigentlich aus dreien - Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad. Leider gibt es nur kaltes Wasser. Egal, nach 3 Tagen im Zelt freuen wir uns auch auf eine kalte Dusche!
Beim Abspannen der Gepäckrollen sammelt sich eine Menschentraube um uns. Eine Mutter fragt, ob ihre Tochter für ein Foto auf Rosa´s BMW sitzen darf. Klar darf sie, und wir müssen hinter ihr posieren. Und bald erscheinen wir in einem weiteren Familienalbum...

Die Kälbchen bekommen Zuwachs
Wir verbringen drei Tage in Jalutorovsk. Es hat hier ein gutes Internetcafé, das zu Fuß errreicht werden kann, wir waschen mal wieder unsere Wäsche, und im Hotel gibt es eine Näherin, die Rosa´s kaputte Reißverschlüsse für eine Tafel Schokolade - Geld wollte sie partout nicht - repariert.
Abends geht plötzlich die Türe auf und die beiden Damen von der Rezeption stürmen ins Zimmer - im Schlepptau ein bärtiger Mann in Motorradklamotten. Nuri fragte nach einem Hotel in Jalutorovsk. Es hat sich natürlich hier herumgesprochen, daß noch zwei weitere Motorradfahrer in der Stadt sind, und so findet er uns. Er fährt eine BMW R 1150 GS und hat 3 Monate Zeit für seine Rundreise: Russland, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran und ein Besuch in seinem Heimatland Türkei.
Wir sitzen noch lange zusammen und erzählen uns unsere bisherigen Erlebnisse. Dann verabreden wir, daß wir die nächsten Kilometer zusammen fahren, denn es ist derselbe Weg, und wir haben das gleiche Reisetempo.

Gefährlicher Seitenstreifen
Früh morgens stehen wir auf, packen unsre Siebensachen und fahren los Richtung Omsk. Es regnet und ein eisiger Wind bläst aus Norden. Schon bald halten wir und ziehen Thermowäsche, Winterhandschuhe und Sturmhaube an. Beim Anhalten meiden wir den Seitenstreifen, denn der Boden dort ist aufgeweicht und glatt wie Schmierseife. Wir parken lieber auf der Straße.
Die Straße ist so schlecht, daß wir Schlangenlinien um die tiefen Schlaglöcher fahren müssen. Und dabei passiert´s: Nuri kommt mit dem Vorderrad auf den Seitenstreifen, rutscht weg und stürzt. Es geht glimpflich aus - er selbst bleibt unverletzt, nur das ABS an seiner GS geht nicht mehr.
Tommy überholt direkt nach einem Kleinbus einen LKW. Der Bus kommt mit dem linken Hinterreifen ein bisschen von der Straße ab. Das war sein Pech, denn es zieht ihn komplett auf den Seitenstreifen. Der Fahrer versucht wieder auf die Straße zu steuern, dabei stellt sich das Fahrzeug quer, direkt vor den LKW! Tommy hat die Situation glücklicherweise früh erkannt und kann noch bremsen. Auch der LKW steigt in die Pedale und so gibt es keinen Zusammenstoß. Der Bus landet "nur" im rechten Graben, und es wirft in auf die Seite. Die 4 Insassen klettern unverletzt, aber ziemlich schockiert aus dem Bus. Wir helfen, den Wagen wieder auf die Räder zu stellen.

Omsk
Wir kommen, trotz schlechten und nassen Straßen, gut voran und erreichen noch am gleichen Tag Omsk. Kurz vor der Stadt biegen wir ab Richtung Flughafen, um einen Platz zum Zelten zu suchen. Den Flughafen scheint es nicht zu geben, hier sind nur ein paar Bauruinen mit einer Schranke davor und einem Schild, das wir nicht lesen können. Es sieht alles ziemlich verlassen aus, und wir schlagen unsere Zelte direkt neben dem Weg vor der Schranke auf. Als alles steht, kommt ein Mann und sagt, daß wir hier nicht zelten dürfen. Es fängt gerade wieder an zu regnen, und wir wollen die Zelte nicht wieder abbauen. Aber alle Freundlichkeit hilft nichts. Wir wollen keinen Ärger, also bleibt nichts anderes übrig, als alles wieder zusammenzupacken. Der Mann lehnt seelenruhig auf der Schranke und schaut uns zu. Leider oder zum Glück versteht er die Schimpfworte nicht, die wir ihm an den Kopf werfen...
Was nun - wir machen das, was wir immer vermeiden wollen: Abends in eine Großstadt und ein Hotel suchen. In der Stadt halten wir und Nuri spricht jemanden an. Der ist sehr hilfsbereit und führt uns zu einem Hotel. Das ist ausgebucht und wäre auch zu teuer gewesen, und so führt er uns zu einer "Gastiniza", die unser Budget vertragen kann.

Zeltlager bei Berdsk
Ohne Frühstück geht es früh los. Wir wollen unterwegs in einem der vielen Cafés Pause machen. Wir sind schon 100 km gefahren, aber noch kein Café und keine Tankstelle - nicht nur wir, sondern auch unsere Mopeds hätten Durst! Als wir kurz anhalten, stoppt ein Wagen neben uns. Die Männer fragen, wohin wir fahren. Wir möchten nach Novosibirsk, und laut Karte und GPS sind wir auf der M 52, die Straße, die nach Novosibirsk führt. Das steht auch auf den Strassenschildern! So ist es aber nicht. Die Straße, auf der wir unterwegs sind, ist die alte, die irgendwann in einen Feldweg übergeht, und scheinbar nicht mehr befahrbar ist. Die neue M 52 verläuft südlich, parallel dazu und wir müssen umkehren, um auf die Verbindungsstraße zu gelangen. Das lehrt uns, daß wir uns nicht 100%ig auf GPS und die Karte aus Deutschland verlassen sollten - der russische Atlas, der auch im Gepäck ist, hätte uns den richtigen Weg gezeigt!
In Berdsk angekommen, sprechen wir einen Autofahrer an, der zwei Yamaha Drag Stars auf seinem Hänger hat. Er weiß einen schönen Platz zum Zelten und fährt die holprige Strecke voraus. Die Motorräder auf dem Anhänger schaukeln gefährlich, der Motorblock scheuert an der Wand. Wir fahren zu einer noblen Datscha- Siedlung, die direkt in einer Bucht der Ob liegt. Die Häuser sind neu oder noch in Arbeit. Normalerweise sind Datschas kleine Häusschen, hier aber sind sie riesig, mit Garage und nebenan Wohnung für die Angestellten. In so einem Palast verschwindet er kurz und kommt mit einem 80-Kubik- Moped wieder. Jetzt geht´s ins Gelände, und er führt uns zu einem tollen Zeltplatz zwischen dem Fluß Ob und der kleinen Bucht. Unter hohen Kiefern stellen wir unsere Zelte auf und freuen uns, daß es hier kaum Mücken gibt. Ein schöner Platz!
Alex und Carsten kommen am nächsten Tag an. Wir geben ihnen eine Wegbeschreibung per SMS, aber sie stehen leider nicht an der Brücke, wo Tommy sie abholen will. Nach 2 Stunden finden sie sich, und wir feiern abends unser Wiedersehen mit frischgefangenen Fischen, die wir geschenkt bekommen haben, Hähnchenschenkel und viel viel Bier.
Der nächste Tag wird geschraubt: Ein Ölwechsel bei unseren Kälbchen ist nach fast 11000 km on the road notwendig, und die vorderen Bremsbeläge müssen gewechselt werden. Gutes Öl bekommen wir problemlos in Berdsk, Ölfilter und Bremsbeläge haben wir noch im Gepäck. Also kein Problem!

Barnaul
Nachts regnet es, aber es hört irgendwann auf und wir können unsere Zelte im Trockenen abbauen. Alex und Carsten bleiben noch, aber wir machen uns mit Nuri Richtung Altai- Gebirge auf. Wir wissen, daß es in Barnaul viele Motorradfahrer gibt, deshalb fahren wir nicht die Umgehungsstraße, sondern in die Stadt. Rosa holt an einem Geldautomaten Geld (auch hier gibt es Automaten, wo man mit der EC- Karte Geld ziehen kann), während Tommy und Nuri bei den Motorrädern bleiben. Es geht nicht lange, da hat es sich herumgesprochen, daß Motorradfahrer aus Deutschland in der Stadt sind, und wir bekommen den Weg zur Bike Bar gezeigt. Die Bar ist super! Zwei Jahre wurde daran gebastelt, bis sie im März dieses Jahr eröffnet werden konnte. Über dem Eingang ragt ein riesiges Motorrad aus der Wand, innen besteht die Einrichtung aus alten Auto- und Motorradteilen. Diese Bar ist ein Abstecher wert!
Max kommt in die Bar. Er lebt in Dresden und macht gerade Urlaub in seiner Heimat. Er spricht sehr gut deutsch und erzählt uns von seinem Bruder, der in einer kleinen Motorradwerkstatt arbeitet. Im Moto- Center können wir unsere Motorräder unterstellen, und Starij, der Chef der Werkstatt, besorgt uns eine günstige Gastiniza. Die Mitglieder des Bike- Clubs tauchen nach und nach auf, und sie laden uns für abends in die Bike Bar ein. Einer der Jungs hat sich ein neues Motorrad gekauft, und das muß gefeiert werden!
Max ist auch dabei, und er kommt als unser Dolmetscher richtig in Streß. Wir erfahren, daß drei Tage vor uns drei Neuseeländer mit ihren uralten Norton- Motorrädern in der Stadt waren. Und vor zwei Wochen ein Pärchen aus England mit einer F 650 GS und einer Dakar. Schade, daß wir ihnen nicht begegnet sind!
Es gibt "Agroschka", eine kalte saure Suppe, und Brot mit kleinen Häppchen: Fisch und Käse. Dazu Tomatensaft und Wodka. Superlecker! Zwischendurch fordert Starij uns zu einer kleinen Sightseeing- Tour auf: Er fährt mit seiner Kawasaki GTR 1000 voraus und wir im Auto mit Dima und Lena hinterher. Wir fahren zu einem Aussichtspunkt über der Ob, wo man eine schöne Sicht über Barnaul und die Ob hat. Auch Mike mit seiner Bandit ist dabei, und er zeigt uns auf dem Rückweg, was er kann. Er fährt stehend und freihändig...
Spät abends erst fahren wir mit einem Taxi zurück ins Hotel mit tollen Aussichten für den nächsten Tag: Starij will Tommys ausgeschlagenes Lenkkopflager ausschleifen, Banja und Grillen am Lagerfeuer ist geplant! Und wir haben beschlossen, unsere Altai- Tour etwas abzukürzen. Die Jungs fahren am 9. Juni zu einem Motorradtreffen und wir werden uns anschließen.

TV- Interview
Morgens nehmen wir uns ein Taxi, um zu Starij in die Werkstatt zu fahren. Starij und Tommy bauen gerade die Vordergabel von Tommys Moped aus, als ein Auto ankommt. Es ist das regionale TV- Team, das ein Interview mit uns machen will!! Am Donnerstag kommen wir im Fernsehen, und sie versprechen uns eine DVD. Was man so alles auf einer Weltreise erlebt...Währenddessen hat Starij ein altes Lenkkopflager für die BMW angepasst - super Arbeit! Rosa´s Lenkkopflager ist noch nicht so sehr ausgeschlagen und wir können warten, bis wir das neue in ein paar Tagen aus Deutschland erhalten.

Banja
Wowa besorgt uns die langgesuchte russische SIM- Karte, die für das gesamte Russland gilt. Wir selbst konnten sie uns nicht kaufen, da man nur mit russischem Paß solch eine SIM- Karte bekommt.
Wir treffen uns mit dem Bike- Club und fahren zusammen zum Schaschlik- Essen. Das Restaurant ist berühmt für seine riesigen Fleischstücke. Mmmh..
Danach geht´s wie versprochen in die Banja eines Freundes! Die Banja hat einen Vorraum, wo man sich auszieht, dann geht´s in den Waschraum, ausgestattet mit Waschzuber und Seife. Und dann in die eigentliche Banja (Sauna). Man nimmt zusammengebunde, getrocknete Birkenzweige ("Wenig" auf russisch) mit. Damit streicht und schlägt man sich gegenseitig den Rücken. Dazwischen raus ins Freie, Bier, "Samagon" (selbstgerannter Schnaps), Lauchzwiebeln, Radieschen, eingelegte Tomaten und Gurken, dazu Brot. Dann wieder Banja, wieder Essen, Trinken und nochmal Banja. Eine tolle Einrichtung, die hier ein bis zweimal pro Woche genutzt wird. Danach fühlen wir uns so richtig sauber und erholt. Erst spät in der Nacht sind wir wieder im Hotel.

Altai- Berge
Wowa begleitet uns am nächsten Morgen ein gutes Stück raus aus der Stadt Richtung Bijsk. Wir freuen uns auf die wenigen Tage im Altai - endlich mal wieder Berge sehen, Natur pur erleben und Kurven fahren! Endlich tauchen die Berge in der Ferne auf, und wir geben Gas, denn wir haben nur 3 Tage Zeit. Seit Barnaul werden wir auch wieder von der Sonne verwöhnt, und es ist sommerlich warm. Das beste Wetter also für so eine Tour!
Die Straße geht übergangslos in eine staubige Piste über, die gut zu fahren ist. Allerdings kommen wir jetzt nur noch mit 60 km/h voran. Wir könnten schneller, aber die Bodenwellen und Schlaglöcher halten uns davon ab - wir wollen unsere Motorräder schonen. Außerdem bleibt so mehr Zeit, die Landschaft zu geniessen. Es gibt viel zu sehen: Wiesen voller Blumen, die es bei uns nicht gibt, kleine Murmeltierchen, die leider nicht vor die Kameralinse wollen, Raubvögel wie Bussard und Adler, Pferde und Kühe, die hier ohne Zaun oder Hirte auf der Weide grasen, oder auch oft auf der Straße stehen. Das bedeutet, daß wir ziemlich aufpassen müssen, denn nach jeder Kurve könnte ein Tier auf der Piste sein. Und Kurven gibt es viele! Endlich mal wieder!
In den Dörfern hier gibt es viele Tiere wie z.B. Schweine, Gänse und jeder besitzt ein Kälbchen, das er großzieht. Die Menschen sind hier auf Selbstversorgung angewiesen. Die Menschen erinnern mit ihrem Aussehen sehr an Mongolen - es ist auch nicht weit bis zur mongolischen Grenze. Dieser Grenzübergang wäre für uns eine Möglichkeit gewesen, in die Mongolei einzureisen, aber wir haben noch kein Visa für die Mongolei. Und das Visa bekommen wir erst weiter östlich, entweder in Irkutsk oder in Ulan- Ude.
Am nächsten Tag sind wir mit den Barnauler Bikern verabredet und müssen daher wieder nach Barnaul zurück. Aber wir werden sicherlich eines Tages hierher zurückkehren!

Die Suche nach einem See
Gegen 15.00 Uhr kommen wir beim Moto- Center in Barnaul an. Genügend Zeit noch bis es um 18.00 Uhr mit den Bikern weitergehen soll. Die Bikeparty in Slavgorod ist erst am nächsten Tag, und wir wollen an einen See zum Zelten.
Strarij hat Probleme mit seinem Motorrad- es läuft nicht auf allen Zylindern. Immer wieder zerlegt er es an diesem Nachmittag, aber es will einfach nicht. So verspätet sich unsere Abfahrt und wir starten erst um 20.30 Uhr. Starij muß noch tanken. Er winkt uns weiter, damit wir keine Zeit verlieren, er wird uns schon wieder einholen. Also fahren wir nun Mike und "Dynamo" hinterher. Immer wieder müssen wir anhalten und unsere Visiere reinigen, die mit Mücken zugepflastert sind. Es ist inzwischen schon spät und stockdunkel. Starij hat uns noch nicht eingeholt, aber die Beiden scheinen den Weg gut zu kennen. Irgenwann biegen wir auf einen sandigen Feldweg ab. Tommy hält an, um sich mit Rosa und Nuri zu beraten, denn laut GPS gibt es hier keinen See. Wir entscheiden, noch ein Stückchen weiterzufahren, um ein Plätzchen für unsere Zelte zu finden. Die anderen sollen weiterfahren, wenn sie wollen. Inzwischen ist es 1.00 Uhr nachts, wir sind hundemüde und der Weg ist schwierig zu fahren. Rosa stürzt im tiefen Sand. Ihr und der Dakar passiert nichts, aber wir bleiben an Ort und Stelle und bauen so schnell es geht unsere Zelte auf. Es wimmelt nur von Mücken, es ist heiß, und uns läuft der Schweiß. Es reicht uns wirklich für diesen Tag...Mike fährt weg - er sucht wohl weiter den See, aber Dynamo und seine Freundin bleiben bei uns. Leider hat Starij ihr Zelt, und die Armen müssen so auf dem Acker schlafen - ohne Schutz vor den gierigen Mücken...

Slavgorod
Mike hat den See in der Nacht tatsächlich noch gefunden, denn er kommt früh morgens betrunken mit zwei anderen Jungs und einer Flasche Wodka zu uns, um uns den Weg zu zeigen. Der See ist nicht weit von unserem Schlafplatz entfernt - vielleicht 5 km Luftlinie. Dort bleiben wir bis abends, schwimmen und spannen aus. Dann gehts nach Slavgorod, wo das Bikefestival stattfinden wird.
Das Festival findet in einem alten Stadion statt. Nebenan ist ein wunderschönen Salzsee mit Sandstrand, es gibt ein Restaurant, wir können für 2,- EUR pro Person und Nacht in einer einfachen aber sauberen Gastiniza neben dem Stadion schlafen, und unsere Kälbchen dürfen über Nacht im Stadion bleiben. Wir freuen uns auf Schaschlik und Bier und werden sofort von unseren Tischnachbarn zu Wodka eingeladen. Es sind Biker aus Novosibirsk. Einige von ihnen sprechen englisch, und so können wir uns gut unterhalten. Wir erzählen ihnen, daß wir in den nächsten Tagen nach Novosibirsk kommen, um das Paket mit Ersatzteilen abzuholen, das uns postlagernd geschickt wird. Sie bieten uns einen Schlafplatz in Novosibirsk an. Außerdem möchten sie uns helfen, das Paket zu bekommen. Haben wir mal wieder Glück!

Besuch im "Deutschen Rayon"
Es gibt ein Bezirk ("Deutscher Rayon") ganz in der Nähe, in dem es Dörfer mit deutschstämmigen Bewohnern gibt. Starij begleitet uns nach Schumanovka. Dort angekommen spricht er die Milizia an. Sie sollen den "Administrator" (Bürgermeister) des Dorfes ausfindig machen. Die Kinder, die sich bald um uns scharen, können nur ein paar Brocken deutsch - sie sprechen wohl nur russisch zuhause, aber sie lernen deutsch in der Schule. Der Administrator kommt, und wir begeben uns ins Kühle, in ein Magazin. Das Dorf wurde vor 100 Jahren von einem Deutschen gegründet. Nach der Perestroika gingen die meisten nach Deutschland. Viele Deutschstämmige aus Kasachstan kamen dann nach Russland in diese Region. Wir fragen, ob die Deutschstämmigen eher russisch als deutsch sprechen. Der Administrator selbst hat eine russische Frau, und so ist klar, daß zuhause russisch vorherrscht. Die Dame vom Magazin dagegen unterhält sich hauptsächlich auf Deutsch. Die Zeit vergeht viel zu schnell bis wir wieder aufbrechen müssen.

Bike- Show
Wir fahren zurück nach Slavgorod, denn die Bikeparty beginnt bald.
Während wir im Deutschen Rayon waren, fand eine kleine Ausfahrt mit den Motorrädern statt. Nuri erzählt, daß die Polizei den Konvoi begleitet und die Straßen für die Motorräder gesperrt hat. Jeder Club hatte seine Club- Fahne dabei, und am Straßenrand standen viele Zuschauer.
Wir sind nicht böse, daß wir nicht dabei waren, denn es ist drückend heiß, und die Vorstellung im Schrittempo durch die Stadt zu fahren, um sich bestaunen zu lassen, ist für uns nicht sehr verlockend. Starij ging es wohl ähnlich, und er hat uns richtig eingeschätzt...
Die Besucher des Festivals, die mit dem Motorrad kommen, haben freien Eintritt. Aber es sind genügend zahlende Gäste da. Uns fällt sofort auf, daß es bei den Motorrädern eine Zwei- Klassen- Gesellschaft gibt. Die russischen Motorräder parken nicht auf derselben Seite wie die japanischen und unsere. Russische Motorräder werden hauptsächlich von Jugendlichen gefahren. Sie haben wenig Geld und können sich kein japanisches Bike leisten. Wer ein japanisches Motorrad fährt, hat meistens Geld - sie sind oft "Businessmen".
Bands wechseln sich ab, ein Showman tritt auf, und es finden Geschicklichkeitswettkämpfe statt. In den Pausen drehen die Jugendlichen mit ihren Ural oder Dnepr ihre Runden. Auch tschechische Javas sind dabei. Sie nehmen Mädchen als Sozia mit oder zeigen, wie gut sie mit ihren Bikes fahren können - und sie beherrschen ihre Bikes wirklich gut! Es werden Preise verlost - der Hauptpreis ist ein gebrauchtes, generalüberholtes Motorrad, das der Präsident des Slavgoroder Bike- Clubs gestiftet hat. Eine Frau gewinnt das Motorrad, und da sie nicht selbst fahren kann, dreht der Präsident mit ihr als Passagier eine Ehrenrunde durchs Stadion - und fällt prompt hin!
Starij gibt Tommy einen Zettel, auf dem ein russischer Satz steht. Er bittet uns auf die Bühne, und Tommy liest den Satz vor. Wir werden dabei für´s Fernsehen gefilmt, und danach wieder einmal von einem TV- Team interviewt. Gegen später gibt es noch Striptease, und erst als es wieder hell wird, endet die Party.

Deutscher Besuch
Wir bleiben noch einen Tag länger, obwohl Montag ist. Der 12. Juni ist Nationalfeiertag, aber da er dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, ist auch der Montag noch frei! So sollte es bei uns auch sein...Wir schlafen lange, dann geht es an den Strand und ins salzige Wasser. Dann kommt Nick mit drei Männern im Schlepptau. Es sind Hubert, Frank und Robert - drei Deutsche, die seit einigen Jahren hier leben und arbeiten. Sie haben erfahren, daß wir hier sind und wollen uns kennenlernen! Sie laden uns zu Schaschlik und Bier ein, und wir verbringen ein paar schöne Stunden mit ihnen. Sie erzählen, daß die Situation der Deutschstämmigen ähnlich wie in Rumänien ist. Auch hier kehren immer mehr Menschen aus Deutschland wieder zurück nach Russland. Robert wohnt in Barnaul und lädt uns zu sich ein, aber wir müssen leider ablehnen. Das Paket in Novosibirsk ist uns zu wichtig. Außerdem sind wir mit Alex und Carsten verabredet. Wir wollen uns auf "unserem" Campingplatz bei Berdsk wieder treffen.
Abends geht´s noch in einen Nightclub. Wir bereuen, daß wir mitgekommen sind, denn wir sind eigentlich hundemüde - die letzten Nächte waren zu kurz für uns. Nightclubs in Russland werden von jungen Menschen wie bei uns Discos besucht. Man kann hier essen, man sitzt zusammen am Tisch, tanzt und schaut sich die Striptease- Shows an, die alle halbe Stunde stattfinden. Interessanterweise gefallen den weiblichen Zuschauern die Strip- Einlagen sehr- sie pfeifen, kreischen und feuern die Strip- Girls an!

Akademgorodok
Wir beschließen, separat nach Novosibirsk zu fahren. Es gibt einen direkten Weg, den die anderen nicht nehmen wollen, da 28 km davon unbefestigte Piste ist. Sie nehmen lieber einen 200 km langen Umweg in Kauf. Wir wollen den kürzeren Weg fahren und auch nicht erst um 1.00 Uhr mittags starten. Sie geben uns eine Telefonnummer eines Freundes. Er wird uns den Weg zum Clubhaus zeigen, wir sollen ihm einfach anrufen, sobald wir in Novosibirsk angekommen sind. Als wir unsere Motorräder aus dem Stadion holen, stellt Rosa fest, daß ihr Becher und die Esspressomaschine gestohlen worden sind. Die Tasche ist zwar mit einem Schlösschen versehen, aber dieses dient eher zur Abschreckung - man kommt trotzdem an den Inhalt ran. Interessanterweise blieben die unabgeschlossenen Dinge an Nuris und Tommys Motorrädern unberührt. Der Edelstahlbecher ist problemlos ersetzbar, aber eine italienische Esspressomaschine werden wir hier in Russland nur schwer finden. Ärgerlich!
In Novosibirsk angekommen, rufen wir Anton an, und er findet uns auch bald. Jetzt geht´s ins Clubhaus. Es befindet sich in einer Garage in einem Vorort von Novosibirsk, in "Akademgorodok". Die Garage ist eine Motorrad- Werkstatt, die Andrej gehört, und darüber ein kleiner Raum mit Miniküche, Eckbank, Sofa und Computer - das Clubheim. Hier dürfen wir schlafen - wir sollen uns wie zuhause fühlen!
Eigentlich wollen wir nur eine Nacht bleiben, um dann am nächsten Tag zu unserem Camp in Berdsk aufzubrechen. Aber irgendwie bleiben wir hängen... Die Nächte sind kurz, es gibt viel "Piva" (Bier), und es ist immer jemand da.

Arno
Sergej kommt - im Schlepptau Arno, ein Deutscher, der ebenfalls um die Welt reist! Arno freut sich über die Bekanntschaft mit den Bikern, denn er möchte seinen Hinterreifen wechseln lassen. Die Nacht verbringt er in einer Gastiniza, und am nächsten Morgen kommt er mit seiner Transalp. Er hat sehr viel weniger Gepäck wie wir dabei, die Reifen hat er seitlich untergebracht! Interessant, wie andere Globetrotter reisen!

Post
Eigentlich wären wir froh, mal wieder alleine zu sein, aber am kommenden Wochenende findet ein Bikerfestival in der Nähe von Tomsk statt. Und Tomsk liegt auf unserem Weg...
Da der Platz im Clubheim sehr begrenzt ist, und Arno nicht länger in der Gastiniza bleiben will, führt ihn Tommy zu unserem nur 30 km entfernten Zeltplatz bei Berdsk. Dort warten schon Alex und Carsten. Wir sind alle nach Novosibirsk zurückgekehrt, da wir uns aus Deutschland ein postlagerndes Paket mit Ersatzteilen schicken liessen. Tommy bekommt Alex´ Reisepaß, denn das Paket ist an Alex adressiert und kann eigentlich nur von ihr an der Hauptpost abgeholt werden. Andrej nimmt Rosa in die Stadt mit, Mischa ist als Dolmetscher dabei. Es müssen einige Formulare ausgefüllt werden, und Rosa bekommt langsam Übung beim Unterschreiben mit Alex´ Namen. Dann bekommt sie das Paket problemlos ausgehändigt. Wir besorgen noch Bremsbeläge für Arno´s Transalp und bringen unsere verschlissenen Ritzel weg. Andrej hat die Idee, die Aufnahme dieser Ritzel herauszutrennen und in neue Zahnkränze einschweißen zu lassen.
Das Paket enthält unter anderem die Lenkkopflager für unsere Kälbchen. Bei Rosa´s Dakar ist das Lager inzwischen auch verschlissen, und Tommy darf Andrejs Werkstatt nutzen, um es zu wechseln.
Die Ritzel sind fertig, und wir müssen nur 1000,- Rubel bezahlen, etwa 30,- EUR. Auch Arno berechnet Andrej nur das, was er selbst für die Bremsbeläge bezahlt hat. Für die Arbeit will er partout kein Geld nehmen!
Für eine Nacht kehren wir zum Zeltcamp zurück. Am nächsten Tag geht´s Richtung Tomsk - zum Bikefestival.

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